Tropfende Schwermut

Jeden Morgen nach dem Frühstück findet die Morgengruppe statt. Alle sitzen im Kreis und erzählen wie sie geschlafen haben und welche positiven oder negativen Gedanken sich gerade durch die gepeinigten Seelen treiben. Ich mag diese Zeit der Gemeinsamkeit und Achtsamkeit. Es löst in mir ein Gefühl der Wärme aus und öffnet mein Herz.

An diesem Morgen regnet es in Strömen. Der Himmel scheint für uns zu weinen, sich der Stimmung anzupassen. Die Regentropfen sind hart, kalt und doch gleichsam beruhigend. Dieses leise, feine Rieseln bis hin zu schweren prasselnden Tropfen entspricht meinem wechselnden Gefühlszustand. Selbst die Morgengruppe scheint sich danach zu richten.

Zum Abschluss ertönt die Klangschale und läutet das Ritual der Achtsamkeit ein. Ich schliesse die Augen, lausche den Worten der Thearpeutin und begebe mich auf die Riese ins Ich. Die Gedanken und Gefühle tropfen in meine Füsse, bilden ein Rinnsal und verlaufen sich im Boden. Nur mit Mühe kann ich die aufsteigende und gleichsam befreiende Schwermut nieder kämpfen.

Endlich ertönt der zweite Klang der Schale um das Ritual zu beenden. Es ist Zeit für die Tagesaktivitäten, doch meine Beine weigern sich. Sie versagen ihren Dienst, bleiben geerdet an Ort und Stelle. Die Schwermut bricht durch und die Tränen sind nicht mehr zu halten und ergiessen sich in einer Flut der Gefühle. Ich weiss nicht was los ist, kann’s nicht mehr steuern und doch tut es gut. Es wirkt befreiend und lösend und ist schnell wieder vorbei. Fast so wie ein kurzes, heftiges Gewitter nach einem heissen, schwülen Sommertag.

Draussen regnet es. Meine Stimmung traurig und zufrieden. Gegen Abend bricht die Sonne durch und erhellt meine Gedanken. Die Melancholie scheint der Natur zu folgen.

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