Wesen aus Licht & Liebe


Unaufmerksam und halb abwesend sitze ich im sticken Schulzimmer. Lausche den Ausführungen der Lehrerin über das menschliche Herz-Kreislaufsystem zu. Wie so oft lösen sich dabei innere Horrorbilder über meine belastenden Erfahrungen meiner Nierenoperation. Schweiss überkommt mich, das Rauschen nimmt zu, Herzklopfen, glitzernde Sterne vor den Augen – Nein, jetzt nur nicht zusammenbrechen. Ich sitze doch in der Schule!

Sekunden später sehe ich mich vom Stuhl fallen und gleichzeitig zur Decke des Schulzimmers schweben. Verwirrt und neugierig blicke ich hoch in einen dunkeln Tunnel. Wo der wohl her kommt? Wohin der wohl führt? Neugierig lasse ich mich treiben. Ich habe das Gefühl durch einen tiefen Brunnenschacht zu gleiten, bis ich am anderen Ende auf ein sehr helles Licht zu schwebe.

Unbeschreiblich schöne Farben und ein Gefühl der Liebe und Wärme überwältigen mich. Je mehr ich mich umsehe, desto wohler und entspannter fühle ich mich. Saftig grüne Wiesen, plätschernde Bäche, ein ruhiger, klarer See, zwitschernde Vögel und frei lebende Wildtiere bilden eine traumhafte Wirklichkeit eines mir völlig unbekannten Orts. Trotzdem fühle ich mich hier zu Hause.

In der Ferne ertönen Kinderlachen und Gespräche Erwachsener. Ich folge den Geräuschen und sehe eine Vielzahl von menschenartigen Wesen, eingehüllt in schillerndes farbiges Licht. Jedes davon anders – immer wieder ändernd. Nicht einmal ein Regenbogen ist in der Lage solch eine Schönheit zu produzieren. Ich spüre wie sich aus der Masse drei Wesen auf mich zu bewegen. Mich mit ihrer wunderschönen Aura liebevoll umarmen und mich willkommen heissen. Mich schaudert es wohlig bei diesen Berührungen und gleichzeitig wundere ich mich, wie solch zerbrechlich, durchsichtig scheinende Wesen so starke Emotionen auslösen können. Kaum habe ich den Gedanken fertig gedacht, ertönt eine Stimme: “Schau dich an, du bist wie wir. Du brauchst hier keinen physischen Körper.” Erst jetzt bemerke ich, dass ich laufe ohne Beine zu haben, Worte hören und sprechen kann ohne entsprechende Sinnesorgane und dazu mein bildschöner Aurakörper. Ich bin fasziniert über meine eigene Schönheit. Meinen menschlichen Körper empfand ich immer störend und nicht besonders attraktiv. Die drei Wesen nehmen mich an die Hand – oder besser, dass was sich wie Hände anfühlt. Sie führen mich umher, zeigen mir die unbegrenzten Möglichkeiten meines neuen Seins.

Die Zeit vergeht. Es gibt kein Heute, Gestern oder Morgen – nur ein Jetzt. Ich lebe im Moment und doch fühle ich wie sich Jahreszeiten ändern. Die Zeit scheint anders zu laufen. Mir ist es egal, ich kann hier alles tun ohne etwas zu müssen. Meine Klassenkameraden habe ich längst vergessen.

Plötzlich eine alles übertönende, starke klangvolle Stimme. Noch bevor ich sehe was los ist, fühle ich bereits etwas viel mächtigeres. Die Geistwesen um mich herum verstummen und verneigen sich ehrfurchtsvoll vor einem in der Ferne auftauchenden, alles überstrahlendem Licht. Etwas irritiert beobachte ich die Szenerie. Dieses Lichtwesen zieht mich zu sich und spricht mit berauschend, tiefer Stimme zu mir: “Kind es ist Zeit zu gehen. Du musst zurück auf die Erde. Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du hast eine Aufgabe zu erfüllen”.

Der Sog wird immer stärker. Eine Gegenwehr ist nicht möglich. Ich realisiere, dass mich das Lichtwesen kraftvoll und sanft gleichermassen in einen abgeschlossenen Raum schiebt. Ich schreie es an: “Nein lass mich zurück. Ich will nicht auf die Erde! Ich werde schlecht behandelt und schikaniert. Hier in dieser Welt werde ich geliebt. Ich bin!”. Mit sanftem, beständigem Druck überzeugt mich das Lichtwesen schliesslich in den Tunnel hinab zu steigen. Seine letzten Worte hallen in mir nach: “Wir beschützen dich!”. Dunkelheit!

Das schrille Läuten meines Weckers reisst mich aus dem Schlaf. Ich schlage die Augen auf und finde mich am Boden liegend im Schulzimmer wieder. Völlig Perplex staune ich darüber wie ich so schnell vom wärmenden Bett, angekleidet ins Schulzimmer gelangen konnte. Mühsam rappel ich mich auf und höre die Lehrerin nach mir rufen, dass ich liegen bleiben soll. Gleichzeitig springt sie vom Stuhl auf und rennt zum Fenster. Um mich herum herrscht komplette Stille. Meine Mitschüler starren mich entgeistert an. “Was haben die den bloss alle? Mir geht es ja gut?” Zwischenzeitlich hat mich meine Lehrerin erreicht und begleitet mich nach draussen. Nötigt mich dazu auf die Schulbank zu liegen. “Du warst bewusstlos und musst dich jetzt ausruhen, bis ich sehe, dass es dir gut geht”.

Meine Geschichte glaubt mir keiner. Wenn man bewusstlos ist, da ist alles Schwarz – Basta! Doch ich weiss, was ich gefühlt habe. Ich freue mich auf die Zeit wieder zurückkehren zu dürfen. Bis dahin halte ich durch und akzeptiere diese eigenartige menschliche Welt.

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